Die Literatur zu Glück, Erfüllung und Kreativität

Es gibt einen schier unaussprechlichen, aber auch (philosophisch betrachtet) unwiderstehlichen Autor: Mihaly Csikszentmihalyi – gesprochen: [Tschik Sent Mihaji]. Ihn und drei seiner Bücher möchte ich nun vorstellen.

1934 erblickte er als Sohn einer ungarischen Familie im damaligen Italien das Leben. In den Wirren und Folgen des zweiten Weltkrieges erlebte er hautnah, wie nicht nur einzelne Menschen, sondern auch Familien und sogar ganze Gesellschaften in sich selbst zusammenbrechen. Manche mehr, manche weniger. Diese Erlebnisse führten ihn zu der Frage:

Was macht einen Menschen, eine Familie und eine Gesellschaft eigentlich glücklich und stabil?


Sein Leben verbrachte er damit, diese Frage zu beantworten – vornehmlich aus der Sicht eines Psychologen, mit einem Scharfblick auf die reale Welt, wie sie vielen Wissenschaftlern leider abgeht. Zudem bleibt er nicht bei der reinen Theorie stehen. Stets ist er darin bestrebt, seine Erkenntnisse zum Thema Glück, Erfüllung und Kreativität an die Welt weiterzugeben. Auf, dass sie Früchte tragen mögen.

Der Irrweg der materialistischen Glückslehre

Bereits in seinen frühen Forschungen kam Csikszentmihalyi zu dem Ergebnis, dass das persönlich erlebte Glücksgefühl nur marginal vom materiellen Wohlstand abhängig ist. Sobald die grundlegenden Bedürfnisse – wie z.B. ein Dach über dem Kopf und ausreichend Nahrung – gedeckt sind, vermag weiterer materieller Reichtum nicht mehr viel am Gefühl der Erfüllung zu verändern.

Seit dem 2. Weltkrieg stieg der materielle Wohlstand in unserer westlichen Kultur (mit den üblichen Schwankungen) stetig an. Die Zufriedenheit des einzelnen Bürgers veränderte sich jedoch kaum. Ein Jugendlicher in den 70ger Jahren war genau so erfüllt bzw. unerfüllt wie einer in der heutigen Morgenröte des 21. Jahrhunderts.

Nichtsdestotrotz ist materieller Wohlstand immer noch das Ziel Nummer Eins in unserer Konsum-Gesellschaft. Weil wir irrtümlich glauben, dass es uns besser gehen würde, wenn wir uns mehrere und bessere Dinge kaufen könnten. Ein Blick auf die vermeintlich „Reichen“ unserer Welt belegt jedoch, dass dieser Zusammenhang nicht existiert. Es gibt unzählige reiche Leute, die unglücklich und verzweifelt sind. Ebenso wie das auch für solche in bescheideneren Verhältnissen zutrifft. Natürlich gibt es auch ein erfülltes Leben in materiellem Wohlstand, aber das gibt es zur Genüge auch in materieller Armut. Menschen, die kaum etwas besitzen und dennoch teilen und glücklich sind, sind kein Mythos. Armut entsteht im Kopf und nicht im Portemonnaie.

Wenn man sich eingehender mit der Psyche rundum zufriedener Menschen beschäftigt, die zudem in materiellem Wohlstand leben, so wird bewusst, dass diese Menschen nicht glücklich sind, weil sie reich sind, sondern dass sie reich sind, weil sie glücklich leben. Weil sie über die Fähigkeit verfügen, aus allem das Beste zu machen!

Das sind Persönlichkeiten, die aus den Steinen, die man ihnen in den Weg legt, ihr eigenes Schloss bauen. Viele wahrhaft große und erfüllte Menschen haben sich von ganz unten nach oben gearbeitet. Einige sind dabei gescheitert, bankrott gegangen, haben alles verloren. Aber sie haben einfach noch einmal von vorne angefangen und sich wieder an die Spitze gekämpft. Materieller Wohlstand war nur selten das eigentliche Ziel und schon lange nicht die Voraussetzung für Glück und Erfüllung. Er ist nur ein mehr oder weniger willkommenes Nebenprodukt des individuellen Schaffens. Der eigenen Fähigkeit, aus Schei#* Gold zu machen!

Die Privatisierung des Glückes

Darauf kommt es an. Und nur so wird man auch ein erfülltes Leben führen können: Wenn man dazu fähig ist, in jedem einzelnen Moment des eigenen Daseins Erfüllung zu finden. Kaufen kann man das nicht. Das sollten wir von denjenigen lernen, die Zeit ihres Lebens im Geld schwimmen konnten.

Aristoteles Onassis erlebte selbst diesen „Aufstieg aus dem Nichts“. Als 16-jähriger Flüchtling des Griechisch-Türkischen Krieges verließ er 1922 mutterlos sein griechisches Heimatland und emigrierte nach Argentinien. Da stand er nun als Jugendlicher in Buenos Aires. Alles, was er noch besaß, waren die 60 Dollar in seiner Tasche. Mit nebensächlichen Tätigkeiten hielt er sich über Wasser. Zudem stieg er in das Tabakgeschäft ein und begann als erster sog. türkischen Tabak nach Argentinien einzuführen. Durch seinen Scharfsinn verdiente er so seine ersten 100.000 Dollar. Der Grundstock für sein späteres Imperium als Reeder.

Als mehrfacher Milliardär, Liebhaber von Maria Callas und Ehemann der ehemaligen Präsidentengattin Jackie Kennedy besaß er wohl alles, was sich ein Mensch kaufen kann. Dennoch reicht dies lange nicht zur Glückseligkeit aus. Sein Vermächtnis an die Nachtwelt lautet: „Wenn ein Mensch behauptet, mit Geld lasse sich alles erreichen, darf man sicher sein, dass er nie welches gehabt hat.“

Mihaly Csikszentmihalyi weiß um diese Zusammenhänge. Vergleichbar mit dem hellenistischen Weltbild der Antike. In diesem wurde die Weisheit geboren, dass wahre Erfüllung ein Zustand des Geistes ist und nur geringfügig von äußeren Bedingungen abhängt. Je stärker der eigene Geist, desto erfüllter, reicher und unabhängiger ist auch sein Glück. Csikszentmihalyi unterlegt diese Philosophie mit psychologischer Forschung und stellt sie mit seinen Büchern in les- und umsetzbaren Portionen der Öffentlichkeit vor.



Flow: Das Geheimnis des Glücks

Dieses Buch befasst sich eingehend mit dem Thema Glück und wie man es erlangt. Die Erschaffung und Verankerung des „Flow“-Zustandes (ein von ihm geschaffener Begriff) im eigenen Leben ist für ihn die grundlegende Bedingung dafür. Dieses Buch mit dem Originaltitel „FLOW – The Psychology of Optimal Experience“ erscheint mir als das umfassendste Werk zu diesem Thema. Auch vermittelt der englische Titel besser, worum es dabei wirklich geht: um optimale Erfahrung!

Es kommt nicht darauf an, was man macht und erlebt, sondern wie man dies alles erfährt. Es kommt auf die innere Einstellung an, mit der wir unser Er-Leben bewerten und unsere eigene Wirklichkeit stets selbst erschaffen – so wie es auch der österreichische Philosoph Paul Watzlawick, der die Ehre hatte, von Carl Gustav Jung (wiederum der Schüler Sigmund Freuds) zum Psychotherapeuten ausgebildet zu werden, in seinen Werken immer wieder lesenswert vermittelt: Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

Der Flow-Klassiker von Csikszentmihalyi umfasst folgende Hauptkapitel:

I Glück – Ein Überblick
II Die Anatomie des Bewusstseins
III Freude und Lebensqualität
IV Die Grundbedingungen für flow
V Der Körper im flow-Zustand
VI Flow der Gedanken
VII Arbeit als Flow
VIII Freude am Alleinsein und am Zusammensein mit anderen Menschen
IX Der Sieg über das Chaos
X Die Entstehung von Sinn

Wer sich für ein erfüllteres Leben entscheiden möchte, dem kann ich dieses Buch nur wärmstens ans Herz legen.



Flow - der Weg zum Glück. Der Entdecker des Flow-Prinzips erklärt seine Lebensphilosophie

Dieses kleine Büchlein vom Herder Verlag ist kein wirkliches Buch des auf dem Cover genannten Autors. Vielmehr ist es die Niederschrift eines Interviews, das die Philosophin Ingeborg Szöllösi vor ein paar Jahren mit ihm abhielt. Hier kommen zwischenmenschliche Themen zur Sprache. Man erfährt viel über Csikszentmihalyi, sein Denken und seine Motivation. Auch vermittelt er in seinen Antworten das Flow-Prinzip in lebhaften Vergleichen und es macht richtig Spaß, ihm zu folgen. Wer sich für einen spielerischen Einstieg in die Flow-Thematik interessiert, der ist mit den knapp 190 leicht lesbaren Seiten gut beraten. Auch als Ergänzung für sein eigenes Flow-Buch, ist diese Schrift sehr nützlich. Zudem spricht Frau Dr. Szöllösi die Schattenseiten des Flow-Prinzips an und so erfährt man einige selbstkritische und offene Gedanken Csikszentmihalyis, die in seinen eigenen Büchern weniger stark zum Ausdruck kommen. Ein sehr gelungenes Buch für nebenbei.



Kreativität: Wie Sie das Unmögliche schaffen und Ihre Grenzen überwinden

Mit knapp 600 Seiten schon ein ziemlicher Wälzer. Aber er ist leicht zu lesen und schärft den Blick für die Eigenschaften und Verhältnisse im Leben, die einen Menschen dazu bewegen, Neues und Besseres zu schaffen. Es geht um Kreativität! Die Eigenschaft, die uns Menschen dazu befähigte, die Höhlen und Bäume zu verlassen. Mit ihrer Hilfe lernten wir das Potenzial der Erde zu nutzen, um unsere menschliche Zivilisation – wie wir sie heute kennen – aufzubauen. So lernten wir in den letzten Jahrtausenden, die Natur zu kontrollieren, um unsere Bevölkerung zu erhalten und zu fördern. Nun wird die Kreativität immer wichtiger, um die Auswüchse der Bevölkerung zu kontrollieren, um unsere Natur zu erhalten und zu fördern. Wie dem auch sei. Ohne Kreativität gibt es keinen Fortschritt, keine Weiterentwicklung.

Wer somit nicht nur an seiner körperlichen und geistigen Weiterentwicklung, sondern auch an der menschlichen, gesellschaftlichen derart interessiert ist, dass er bereit ist, eingefahrene und veraltete Bahnen zu verlassen, der wird in diesem Werk Csikszentmihalyis einen wahren Quell der Inspiration dazu vorfinden. Neue Wege entstehen, indem man sie geht. 91 solcher Wegbereiter – Nobelpreisträger und vergleichbare Persönlichkeiten – wurden für dieses Buch eingehend interviewt. Ihr gesamtes Leben, Denken und ihre Motivation werden durchleuchtet und anregend vorgestellt. Csikszentmihalyi widerlegt dabei viele Klischees, kann aber andere wiederum sehr gut begründen.

Schlussendlich befasst er sich auch kritisch mit den Schattenseiten der Kreativität – den unvermeidbaren Geistern, die ein Genie mit jedem realisierten Geistesblitz herbei ruft. So wie z.B. die frühen Kernphysiker sich sicherlich nicht bewusst waren, dass ihre Erkenntnisse zu Massenvernichtung und Atommüll führen. Auch das Fernsehen und Internet – vormals zur reinen Nachrichtenübertragung geschaffen – bindet heutzutage das Potenzial von Millionen Menschen, die so zu rein passiven Kulturkonsumenten wurden, anstatt ihre Kultur aktiv mitzuprägen.

Wer bereit ist, die Flimmerkiste auszuschalten und das W-Lan-Kabel zu ziehen, um selbst etwas Weltbewegendes zu schaffen, der findet in diesem Buch eine Fülle motivierender und nützlicher Prinzipien für dieses Unterfangen. Viele Irrwege wird man so zu meiden lernen, denn Csikszentmihalyi weiß zu verdeutlichen, welche Fallschlingen und Fehltritte man sich am besten ersparen sollte.

Fazit

Mihaly Csikszentmihalyis Bücher verdienen einen besonderen Platz im Bücherregal. Seine Gedanken sind wertvoll für jeden Menschen, der der Erfüllung nicht nur hinterherhetzen, sondern sie leben will – im Hier und Jetzt!

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Bilderquelle: Martin Gommel