18 Monate HFT - mein Zwischenfazit

2011 ist vorbei und es wird Zeit für ein kleines Fazit. 18 Monate HFT. Es hat sich viel getan. Nicht nur außerhalb des Studios. Auch im Training und in meinem Verständnis davon hat sich viel verändert.

Bis ungefähr 2010

...strebte ich geradezu fanatisch nach immer höheren Kraftleistungen. Masse war mir dabei auch sehr wichtig. Aber nur an zweiter Stelle. Es war nicht so, dass ich es nicht versucht hätte, aber selbst wenn ich einen Großteil meines Tages am Trog verbrachte und mir die Kilokalorien reinpfiff wie nichts... Am Ende tat sich nicht viel. Und so blieb mir nichts anderes übrig, als ausdauernd und über Jahre hinweg ordentlich zu futtern und am Eisen zu bleiben. So legte ich im Schnitt 3kg pro Jahr zu und das für über 10 Jahre.

Aufzeichnungen habe ich nicht (mehr). Die ersten Jahre habe ich schon welche angelegt. Sehr gewissenhaft. Mit regelmäßigen Messungen und streng nach Plan. Training und Ernährung waren eine Wissenschaft für mich. Die Hefte häuften sich... Doch ich war bereits so tief in meine eigene Entwicklungswelt versunken, dass ich genau wusste, wo ich stand, wie meine Leistungen waren, welche Messwerte ich hatte und wo meine Schwachstellen lagen.

Irgendwann waren es zu viele Hefte und ich habe immer weniger hineingeschaut, sie immer weniger beachtet, immer mehr „frei Kopf“ bzw. aus dem Bauchgefühl gehandelt und auch immer weniger notiert und gemessen. Immer weniger achtete ich auf Zahlen und dafür immer mehr auf meine Intuition – auf das Gefühl und Verständnis davon, was gerade gut, was schlecht läuft und wie ich genau jetzt vorzugehen habe, um meinen Weg der Entwicklung noch effizienter zu beschreiten: Das war der Beginn des auto-regulierten Trainings!

Je mehr ich dabei meine Bindung an Wissenschaft, starre Pläne und regelmäßige Aufzeichnungen über Bord warf, desto mehr begann ich, mich auch mit der Idee eines höherfrequenten Trainings anzufreunden. Im Zuge von 14 Trainingsjahren entwickelte sich mein Weltbild bzgl. körperlicher Entwicklung von einer reinen Wissenschaft hin zu einer pragmatischen Philosophie. Theoretisches Detailwissen anzuhäufen war eine nette Freizeitbeschäftigung. Aber es verhalf mir nicht dazu, schneller an Masse oder Kraft zuzulegen. So strich ich all dies irgendwann bewusst aus meinen Gedanken, um den Kopf für das frei zu bekommen, was mir wirklich wichtig war: Eine progressive Entwicklung meiner selbst.

So entschloss ich mich, eine Trainingsweise zu finden, mit der es mir möglich war, täglich den gesamten Körper zu trainieren und zwar so, dass er dabei wächst und nicht verbraucht wird. Die Besinnung auf die wesentlichen Grundübungen, eine saubere Technik, das Training nur bis zum Koordinationsversagen und die weiteren Prinzipien, die ich in meinen beiden Büchern beschreibe, erwuchsen dann ganz von allein aus meiner Erfahrung - die natürlich auf der Erfahrung vieler anderer Athleten aufbaut.

All dies ist nicht theoretisch bzw. wissenschaftlich haarklein errechnet und perfekt aufeinander abgestimmt. Es ist einfach die Antwort auf die Frage: Welche Prinzipien fördern meine Entwicklung und welche schaden ihr? Dabei muss ich gar nicht wissen, wie die biochemischen und physiologischen Mechanismen dahinter en detail funktionieren – Letzterklärungen sind sowieso nur ein wissenschaftlicher Traum. Hauptsache: Sie funktionieren! So wurde ich zum Pragmatiker, der sich auf die Macht der Selbstorganisation verließ - und nicht enttäuscht wurde.

Jahrelanges Ausprobieren verhalf mir dazu, eine immer solidere Trainingsintuition aufzubauen, anhand der ich mich orientieren konnte. Immer weniger beschäftigte ich mich mit theoretischer Literatur. Immer mehr suchte ich den Kontakt zu erfahrenen Leistungssportlern, Athleten, Trainern und Therapeuten bzw. zu ihren Artikeln und Büchern. Menschen, die es geschafft hatten, über Jahrzehnte hinweg erfolgreich an ihrer Entwicklung zu arbeiten, ohne dabei immer mehr Verletzungen anzusammeln oder gleich eine Geheimwissenschaft aus ihrem Erfolg zu machen.

Sie trainierten alle nach vergleichbaren Prinzipien und die waren im Grunde recht simpel. Wissenschaftliches Fachwissen verlangten sie nicht. Nur ausreichend Erfahrung, einen gesunden Menschenverstand und die richtige Einstellung. Es ist weniger Wissen, welches man benötigt. Vielmehr geht es um Weisheit. Um die Fähigkeit, im jeweiligen Moment das Richtige zu tun und das über Jahre hinweg. Das geht nur über das Ansammeln von immer mehr Erfahrung. Alles, was man macht, hat einen Sinn. Selbst wenn es nur der ist, daraus zu lernen! Denken ist gut, aber Erfahren ist besser. Denken ist abstrakt. Erfahren heißt leben! Wissen ist vielleicht Macht, aber nur Weisheit führt uns zu richtigen Entscheidungen. Und auf diese kommt es an im Leben!

Wenn es bei mir um Training oder Ernährung geht, denke ich fast überhaupt nicht mehr nach. Denken macht langsam. Ich handle rein intuitiv und lerne daraus. Ich verstärke mein Verhalten, wenn es mir Vorteile bringt und ich minimiere es, wenn es mich ausbremst, schwächt oder Unordnung in mein Leben bringt. Jeder Mensch, der diese simplen Prinzipien der Auto-Regulation verfolgt, wird sich weiterentwickeln.

Nun zurück zu dem kleinen Übersichtsbild

Wie gesagt, nutze ich keine Aufzeichnungen mehr und da ich jeglichen überflüssigen Besitz verschenkt bzw. auf den Müll geworfen habe, sind sie auch nicht mehr vorhanden. Auch habe ich nie wirklich gute Bilder meiner Entwicklung schießen lassen. Deswegen gibt es halt nur ein paar Schnappschüsse. Aber das ist ja kein Fotowettbewerb und ich denke, die ein oder andere Entwicklung wird auch so sichtbar.

Das 1. Bild

...entstand während meines 3. Trainingsjahres im Herbst 2000. Dort wog ich knapp über 60kg und hatte somit in drei Jahren bereits über 12kg zugelegt. Begonnen hatte ich mit 48kg.

Beim 2. Bild

...habe ich bereits einige Trainingsjahre hinter mir. Das Bild ist aus dem Winter 2008. Dort wog ich schon über 80kg. Bis dahin lag mein Schwerpunkt jedoch beim Aufbau von Kraft, da sich trotz einer sehr hohen Kalorienzufuhr massemäßig nicht viel tat. In dieser Zeit begann ich, mich immer mehr von starren Plänen zu verabschieden und mich mit täglichem Training zu beschäftigen.

Jahrelang trainierte ich sehr intensiv 3-4mal pro Woche nach dem Motto – no pain, no gain. Öfter dürfe man ja nicht trainieren – so die Theorie – und je erfahrener man würde, desto intensiver solle man trainieren und natürlich auch splitten. Eine Menge Verletzungen und Beschwerden häuften sich an. Die Schulter macht ebenso wie das Knie regelmäßig Probleme und über einen längeren Zeitraum hatte ich starke Rückenschmerzen – von wiederkehrenden Sehnenentzündungen mal ganz zu schweigen.

Mit der Zeit entwickelte ich mich jedoch wieder in eine natürlichere Richtung, senkte die Intensität auf ein Maß, dass mich die Lasten durchgehend kontrollieren ließ, kehrte zum Ganzkörpertraining zurück und schlussendlich machte ich all dies täglich. Der erste HFT-Testlauf brachte mir ein sagenhaftes Plus von 14kg in nur wenigen Monaten. Früher hatte ich einfach nur viel zu selten trainiert und dafür zu intensiv. Bei einem Split-Plan trainierte ich den gesamten Körper 1-2mal pro Woche. Nun trainiere ich meinen Körper mind. 5mal pro Woche. Während des Testlaufs trainierte ich die ganzen Wochen ohne einen einzigen Pausentag.

Beim 3. Bild

...lässt sich erkennen, welche Fortschritte mir das eingebracht hat. Hier bin ich im Winter 2010 mit 96kg zu sehen. Nach diesem Testlauf folgte auch eine Max-Kraft-Phase auf der Grundlage von HFT & Auto-Regulation und ebenso eine Diät. Beides lief ebenfalls sehr gut.

Im folgenden Jahr 2011 stellte ich meine persönlichen Bestleistungen im Heben, Beugen, Ziehen und Drücken auf. Kreuzheben war immer meine Lieblingsübung. Bis 244kg habe ich mich hochgekämpft und auch mein Körpergewicht stieg auf über 100kg.

Ab der 2. Hälfte des Jahres veränderten sich meine Ziele jedoch. Mit dem nahenden Ende der Promotion und einer körperlichen Übersättigung an monatelangem Kalorienüberschuss entschloss ich, mich wieder intensiver mit der geistigen Entwicklung zu beschäftigen. Ich beendete alle körperlichen Experimente – wie mehrere Trainingseinheiten pro Tag – und war froh das tägliche „Fressen“ ad acta legen zu können. Mit meinen bisherigen Leistungen war ich zufrieden und mir war bewusst, dass ich diese Leistungen nur halten oder gar steigern könnte, wenn ich weiterhin den Schwerpunkt meines Lebens und Futterns darauf hin ausrichtete. Aber das wollte ich momentan nicht.

So steckte ich meine Nase wieder mehr in die Bücher und befasste mich intensiver mit der Betreuung und dem Austausch anderer Athleten. Meine Nahrungszufuhr drosselte ich stark – fast auf das Niveau eines normalen Menschen – und ich machte auch keine Abstecher mehr in das Land der Max-Kraft. Natürlich trainierte ich aber (fast) täglich weiter mit Hantel- und Körpergewichtsübungen. Auf meine Entwicklung achtete ich kaum. Das Training wurde zur Selbstverständlichkeit. Ich verließ mich darauf, dass ich dank Auto-Regulation und Cluster-Training bis zum KV stets optimal trainierte. Eigentlich erwartete ich, dass sich im Vergleich zum vorherigen Winter kaum Fortschritte einstellen würden. Tatsächlich verlor ich sogar einiges an Gewicht.

Am 4. Bild

...erkennt man jedoch, dass ich mich körperlich weiterentwickelt habe. Und das ohne jegliche Extreme oder Verletzungen. Einfach nur tägliches auto-reguliertes Training des gesamten Körpers. Das Bild zeigt meinen Stand vom Winter 2011 – nach ca. 18 Monaten HFT. Ich werde jetzt einfach mal weitermachen und melde mich dann in 12 Monaten wieder.

Ich denke

...gerade die Entwicklung der letzten drei Bilder – 2008, 2010, 2011 – zeigt, welches Entwicklungspotenzial auch in jenen Athleten steckt, die eher über die Genetik eines Marathon-Läufers verfügen, anstatt über die eines Mr. Olympia.

Wer den richtigen Weg für sich findet und ihn dann auch kompromisslos und beständig verfolgt, wird auch entsprechenden Erfolg ernten. Wenn ich das kann, dann kann das jeder andere auch... und sicherlich noch viel mehr!

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