Die körperliche Entwicklung eines Turners kann sich sehen lassenVor genau 200 Jahren eröffnete Friedrich Ludwig Jahn seinen ersten Turnplatz in der Hasenheide vor den Toren Berlins. Der damals noch junge Pädagoge war ein Visionär sondergleichen. Er war seiner Zeit voraus und damals schon weiter als viele heute.
Befasst man sich mit seinen Schriften wird einem klar, dass Turnvater Jahn alles andere wollte, als einfach nur den Körper zu trainieren. Das Turnen war deutlich mehr. Es war eine pragmatische Philosophie: Er strebte nach einem starken Geist in einem starken Körper.
Er sah bereits damals die Unausgeglichenheit der Entwicklung unserer Gesellschaft, die sich des Leiblichen zu entledigen versucht, wo es nur geht. Einer Gesellschaft, in der die Entwicklung des eigenen Körpers gering geschätzt wird. Eines Körpers, dessen Aussehen versteckt und dessen Schwäche kompensiert wird, wo es nur geht.
Eine bereits Jahrhunderte währende Fehlentwicklung, die den Geist bevorzugt, ist bis heute im Gange. Die Konsequenzen eines schwächlichen und unterentwickelten Körpers sind gemeinhin bekannt und offensichtlich. Sowohl ästhetisch als auch gesundheitlich und leistungstechnisch lässt er zu wünschen übrig – ebenso wie auch der aus ihm entspringende Geist davon negativ beeinflusst wird.
In einem schwächlichen Körper wohnt kein starker Geist. Vielmehr entstehen beide erst, wenn sie ausreichend gefordert werden.
Körperliche Ertüchtigung ist notwendig, um „die verlorene Gleichmäßigkeit der menschlichen Bildung wieder herzustellen, der bloß einseitigen Vergeistigung die wahre Leibhaftigkeit zuzuordnen.“ So schreibt es der Turnvater Jahn. Recht hatter und wie er recht hat.
In der ganzen Lebensgeschichte eines Menschen ist es sein heiligster Augenblick, an dem er aus seiner Ohnmacht erwacht und den tieferen Sinn ausgeglichener Entwicklung erblickt. Körperkultur ist mehr als nur Muskelspielerei in den Tempeln verspiegelter Komplexbeladenheit. Es ist mehr als Narzissmus oder eine Freizeitbeschäftigung. Viel mehr... Dies gilt es zu erkennen: Körperkultur ist der einzige Weg, um zu einem ausgeglichenen Menschen zu werden. Die beste Möglichkeit, um die eigene Entwicklung voranzutreiben, das eigene Wesen zur Reife zu bringen und das eigene Potenzial zu verwirklichen.
Außerdem hat das Training noch einen weiteren angenehmen Vorteil, den bereits Turnvater Jahn hervorhob: „Männlichkeit zieht die Weiber an!“ ;)
Anbei noch einige weitere Gedanken aus seiner Feder...
„Frisch nach dem Rechten und Erreichbaren streben, das Gute thun, das Bessere bedenken und das Beste wählen.
Fromm die Pflichten erfüllen, leutseelig und volklich, und zuletzt die letzte, den Heimgang. Dafür werden sie gesegnet sein, mit Gesundheit des Leibes und der Seele, mit Zufriedenheit so alle Reichthümer aufwiegt, mit erquickenden Schlummer nach des Tages Last und bei des Lebens Müde durch sanftes Entschlafen.
Fröhlich die Gaben des Lebens genießen, nicht in Trauer vergehn über das Unvermeidliche, nicht in Schmerz erstarren, wenn die Schuldigkeit gethan ist, und den höchsten Muth fassen, sich über das Mißlingen der besten Sache zu erheben.
Frei sich halten von der Leidenschaft Drang, von des Vorurtheils Druck, und des Daseins Ängsten."
Gibt es da noch etwas hinzuzufügen?
Sowohl pädagogisch als auch soziologisch gesehen ein wahres Wort. Unsere Jugend besitzt eine große Freiheit und das ist auch gut so. Leider mangelt es ihnen an Vorbildern und so wissen sie oftmals nicht, wo hin mit ihrer Zeit und welches Potenzial in ihnen schlummert. Es ist Aufgabe unserer Gesellschaft, hier andere Schwerpunkte zu setzen als drittklassiges Schmierentheater-Fernsehen, Fast Food und Computerspiele.
So droht unsere Jugend zu verkümmern. Sie verweichlicht an den mangelnden Anforderungen unserer auf Konsum ausgerichteten Gesellschaft. Fettleibigkeit, Schwäche und selbst Wohlstands-Diabetes werden immer mehr zur Norm in den Kindergärten und Schulen. Hier läuft einiges schief! Ebenso wie auch viele Pädagogen zwar studiert sein mögen, aber ebenso wenig vorbildhaft sind.
Menschen kann man erzählen, was man will. Sie hören einem nicht zu. Sie sehen nur, wer da vor ihnen steht und große Reden schwingt und wenn er nicht genau das darstellt, was er auch predigt bzw. was auch wirklich beachtenswert ist, dann verlieren seine Worte jegliche Kraft. So ist es auch mit unserer Jugend. Sobald Sie einen Blick in die Flimmerkiste oder die Zeitung wirft, erblickt sie Heuchelei, Lug, Trug und Korruption. In der Schule mangelt es ebenso an wahren Autoritäten. Wem sollen sie noch vertrauen? Zu wem können sie aufsehen?
Also sprüht es an jede Wand: „Neue Männer braucht das Land.“ Die derzeitigen Berühmtheiten sind jedoch weit davon entfernt, diesem Ideal wirklich zu entsprechen. Unser Land brachte Größen wie Goethe, Nietzsche, Beethoven und Humboldt hervor. Nun sind es Bohlens und Gottschalks. Sind wir auf dem richtigen Weg?
Wie recht er auch damit hat. Wer in unserer Zeit nicht seine Moral, seine Würde und seinen Anstand verlieren möchte, der muss in sich selbst ruhen, der muss stark sein und nicht wie eine Fahne im Wind nach der vorherrschenden Meinung flattern. Er muss Rückgrat beweisen, Vorbild sein, seinen eigenen Weg gehen. Er muss einen starken Geist mit einem starken Körper vereinen. Ohne Training geht dies jedoch nicht.
Amen!
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Kommentare
so so jahn, der "vater"
Jahn als "vater" des ganzen zu betiteln ist wirklich anmaßend von dir.
warum?
gucken wir uns die alten griechen an - die trafen sich zu gleichen zwecken im .... genau! gymnasium!
dort trainierten sie körper UND geist - im gymnasium!
was wir heute unter einem gymnasium verstehen sollte daher klar sein.
Es ist schön, dass es noch
Es ist schön, dass es noch Menschen gibt, die etymologisch versiert sind. Aber was haben die antiken Griechen mit dem "modernen" Turnen zu tun, wie es der "Turnvater Jahn" kreiert hat? ;)
Wie viele Artickel äußerst
Wie viele Artickel äußerst interessant.
Aber meinst Du nicht, dass Du eine ziemlich verkürzte Sichtweise von Herrn Jahn widergibst, indem Du seine völkischen, reaktionären und Antisemitschen Positionen völlig außer acht lässt?
Man kann doch die politischen Intentionen der Turnbewegung nicht außer acht lassen, wenn man dieser Person einen Text widmet.
Das Drumherum
Wir können uns gerne darüber austauschen. Ist nur fraglich, inwiefern das zu unserem Thema passt. Außerdem kann das äußerst problematisch werden.
Viele begehen nämlich den Fehler, Geschichte aus der heutigen Gegenwart zu betrachten und nicht aus der damaligen, was eine Diskussion oftmals unerträglich werden lässt.
Das beginnt schon mit Begriffen, wie z.B. "völkisch und reaktionär"
Der damalige "deutsche Nationalismus" wie ihn Ludwig Jahn und viele andere zu der damaligen Zeit heraufbeschworen, war dort keinesweg reaktionär. Er war vielmehr sogar revolutionär und modern - so wie heute vielleicht Globalisierung und Kosmopolitismus.
Damals gab es ja nur den Rheinbund, der 1813 nach der Völkerschlacht bei Leipzig zusammenbrach und danach den "Deutschen Bund", der auch nicht mehr war als ein relativ loser Flickenteppich verschiedener Kleinstaaten. So etwas wie "Deutschland" gab es damals ja überhaupt nicht. Das kam viel später. "Nationalisten" waren damals somit alles andere als reaktionär. Sie kämpften für die deutsche Einheit und die Überwindung der Monarchie.
Dass der Nationalismus dann im weiteren Verlauf der deutschen Geschichte derart pervertiert ist, liegt nicht in der Schuld von Leuten wie Jahn oder auch Nietzsche. Die lebten lange davor und wurden immer gerade so instrumentalisiert, wie es der vorherrschenden Meinung gefallen hat:
Im 19. Jahrhundert war Jahn ein Visionär, im 3. Reich wurde sein Denken als Idealtypus hochgehalten und in der DDR wurde er geliebt, da er in seinen Sportlerkreisen keine Klassenunterschiede gemacht habe.
Was diese ganzen Systeme aus Jahn gemacht haben, ist mir ziemlich wumpe. Ich versuche, ihn rein athletisch mit der Brille seiner Gesellschaft zu sehen und das scheint mir in dem Punkt in Ordnung.
Natürlich ist er sehr umstritten, hat vieles in seinem Leben nicht geschafft, abgebrochen und er hat sich oft auch zu extremen Äußerungen hinreißen lassen. Aber das passiert jedem, der bereit ist, auch mal ordentlich auf die Pauke zu hauen.
Ich befürworte diesen Entwicklungsprozess, wie er in unserer Welt geschieht, ebenfalls. Damals - als "Deutschland" nur eine Idee war - wäre auch ich Nationalist gewesen. Heute bin ich Kosmopolit und Nationalismus scheint mir veraltet. Man sollte sich nicht zu sehr an bereits bestehende Dinge binden (oder gar vollkommen veraltete zurücksehnen), sondern nach dem streben, was noch werden könnte und besser wäre.
Gemeinsame kultur- und religionsübergreifende Interessen - wie z.B. Bodybuilding - oder auch Kommunikationswege - wie das Internet - durchbrechen die Grenzen von Nationen und machen uns klar, dass wir alle ähnliche Menschen sind mit ähnlichen Zielen und ähnlichen Hoffnungen und alle im gleichen Boot sitzen.
Jeder Gedanke hat seine Zeit. Jahns Zeit ist natürlich lange vorbei - mal abgesehen von seinen athletischen Idealen. Die gelten für immer ;)
Entschuldigung, dass ich das
Entschuldigung, dass ich das hier so frage, aber kann mir jemand eine wirklich gute Lektüre über die Geschichte der Deutschen nennen? Ich möchte zumindest ein Grundwissen damit schaffen.
Ich komme nächstes Jahr in die Oberstufe, mit Geschichte als Leistungskurs und will mich daher intensiv damit auseinandersetzen.
Die ganze Welt
Der Geschichtsunterricht in Deutschland ist überaus beschränkt - selbst auf dem Gymnasium (liegt aber auch an der Trägheit der Schüler).
Befasse Dich lieber mal mit den Grunddaten und -strömungen der gesamten Weltgeschichte (der Menschen) - dann versteht man auch erst wirklich die der Deutschen. Von all dem, was ich zu dem Thema gelesen habe, war das hier das "angenehmste"; bald 2000 Seiten, aber gut geschrieben und man ist "schnell" durch:
http://www.amazon.de/Knaurs-Illustrierte-Weltgeschichte-3-Bde/dp/B004UMQ...
Für Deutschland gibts ja die Reihe von Guido Knopp als kurzweilige/etwas aufgeplusterte Unterhaltungsserie: Die Deutschen
Soweit ich mich erinnern kann, kann man die Teile sogar online auf ZDF.de ansehen: www.zdf.de/ZDFde/inhalt/12/0,1872,7272428,00.html
(Weiß aber nicht genau, ob es funktioniert. Die haben gerade Stromausfall. Da hat wohl jemand seine GEZ-Gebühren nicht gezahlt ;)
"Der Geschichtsunterricht in
"Der Geschichtsunterricht in Deutschland ist überaus beschränkt - selbst auf dem Gymnasium (liegt aber auch an der Trägheit der Schüler)."
Da hast du verdammt recht! Ich habe in der gesamten 10 Klasse nichts gelernt, und das bei dem Thema "Zweiter Weltkrieg", auf das ich mich immer gefreut habe.
Der Unterricht war ein Graus und darf wie ich finde nicht als solcher bezeichnet werden.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass es möglich ist dieses Thema noch uninteressanter rüberzubringen.
Naja, ich hab mich auch dagegen gesträubt, das muss ich zugeben, und jetzt muss ich das ganze eben nachholen.
Vielen Dank für die Empfehlung, sieht super aus!
vale
und es lohnt sich
und es lohnt sich tatsächlich.
Der II. ist nur ein Wimpernschlag im Augenblick der Zeit und auch Deutschland ist nur ein Sandkorn am Strand der Kulturen.
Die Weltgeschichte von uns Menschleins ist überaus komplex, fest ineinander verwoben und brennend interessant. Da war schon was los. Selbst als bei uns im Mittelalter die Entwicklung Winterschlaf hielt, gab es eine islamische Hochkultur, die wissenschaftlich und philosophisch einiges gerissen hat. Im Übrigen hat sie uns auch viele Texte antiker Gelehrter - wie z.B. von Aristoteles - gerettet, während die lieben Christen lieber Gelehrte verbrannten. Aber das ist ja auch "nur" Europa. ;)
Viel Spaß beim Lesen... (In der Schule lernt man sowieso kaum etwas, selbst in der Uni ist vieles sehr beschränkt. Um die wichtigen Themen muss man sich selbst kümmern - je früher, desto besser.)
Wo grade das Thema da ist,
Wo grade das Thema da ist, ein guter Einstieg in die Geschichte verschiedener Völker in den letzten Jahrtausenden ist: "Ingenieure der Antike".
Hört sich zwar so an als ob die Technologie im Mittelpunkt steht, aber hier werden auch Gründe, Auswirkungen und Umstände dieser beschrieben.
Sicher nicht langweilig und preislich unschlagbar (ab 0,18€ bei Amazon ^^)
Nationalsismus, Ja!, aber nicht heute.
Sehr richtig. Personen sollten jeweils aus ihrer Zeit herraus beurteilt werden. Jahn, Arndt oder Fichte waren dem Reich damals ein Dorn im Auge, jedenfalls nach dem Wiener Kongress in der Ära Metternich, sie reaktionär, oder sogar "konservativ", zu nennen ist daher denkbar unpassend. Außerdem halte ich es für schwierig, die gesamte "Deutsche" Geschichte, wann immer diese auch beginnen mag, in einer Linie zum Nationalsozialismus zu stellen, auch wenn Historiker, um genau zu sein die der Bielefelder Schule, immer wieder dies versuchen.
Ich denke auch, dass sich der Mensch immer weiter entwickelt und der Nationalismus steht nun mal auch für die Emanzipation des "einfachen" Menschen gegen ein monarchisch geprägtes Staatsbild; insofern ist er heute, wie du bereits angemerkt hast, eher verstaubt. Am Ende dieser Entwicklung steht vielleicht sogar der "ewige Frieden", es bleibt spannend zu betrachten ob der Gedanke des guten Königsbergers visonär oder doch lediglich von illusionärer Art war.
Zurück zum Thema: Vorallem das Maß an Körperbeherschung bei Turnern finde ich überaus beindruckend, während man sich beim Bodybuilding auf das Stemmen von Gewichten "beschränkt", kann ein Turner noch eine ganze Reihe Körperspannungs und Gleichgewichtsübungen vorweisen, die insgesamt , so finde ich, ein athletischeres Bild vermitteln.
Schöner Beitrag.Auch das mit
Schöner Beitrag.
Auch das mit der Körperbeherrschung sehe ich ähnlich. Da steckt enorm viel Kraftpotenzial drin. Bin immer überrascht, was solche Menschen - die normalerweise nicht schwer trainieren - an Lasten bewegen können, wenn ich mal mit ihnen trainiere und das nur, weil sie es gewohnt sind, ihr Kraftpotenzial zu nutzen.
Werde das jetzt mal testen. Habe mir vorhin ein paar Ringe vor die Garage gehängt und werde dort täglich ein paar Turnübungen machen - mal sehen, wie es sich auswirkt. ;)