Über die Chaostheorie im Bodybuilding und Powerlifting

FraktalDie Prozesse des Wachstums von Muskelmasse und Körperkraft sind das non plus ultra für jeden Athleten, der sich die irdische Beziehung zwischen Masse und der Kraft der Schwere zu Nutze macht, um seinen Körper, sowie dessen Potential zur Kraft dem Olymp gerecht zu stählen und zu vervollkommnen.

Da diese Prozesse nun einmal unverkennbar von biologischer Beschaffenheit sind, bedarf es einer eingehenden wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit deren Bedingungen und Verhältnismäßigkeiten, um sie zum eigenen Nutzen positiv beeinflussen zu können.

Andernfalls kommt es – wie so oft – zu irrtümlichen und illusorischen Annahmen über das Wachstum von Masse und Kraft des eigenen Körpers:
So müsse man z.B. einfach nur jeden Monat 1kg zunehmen oder 2,5kg mehr auflegen, um im Laufe der voranschreitenden Monate den eigenen Stand der Entwicklung pro Jahr durch eine Zunahme von 12kg Muskelmasse oder 30kg Hantellast beglücken zu können.

Derartige Hirngespinste, die auf der Annahme beruhen, dass das biologische Wachstum dieser beiden Parameter im Körper eines Menschen linear vonstatten gehen, stehen jedoch in völligem Kontrast zur Entwicklung von Bodybuildern und Powerliftern in der Realität – diese sind nämlich nicht mit einer Bakterienkultur in nährstoffreicher Umgebung, die sich beständig in ihrer Quantität verdoppelt, vergleichbar.

Der Körper des menschlichen Geistes ist nämlich ein komplexes sich selbst organisierendes System, dessen komplizierte Prozesse sich vor Allem nichtlinear beschreiben lassen.
Um ganz genau zu sein und um Formulierungen zu verwenden, die derzeit wissenschaftlich en vogue sind, können wir unseren lebenden Organismus als ein offenes, energie-dissipatives System charakterisieren, welches sich fern eines thermischen Gleichgewichtes in einem sogenannten Fließgleichgewicht befindet.
Der Aufbau und Erhalt der Struktur und Funktionen desselben wird durch einen beständigen Austausch von Energie und Materie (welche wiederum auch nur eine Form von Energie ist) gewährleistet.
Der menschliche Körper setzt somit nicht auf die Quantität linearer Entwicklungen, sondern auf die Qualität auf der Grundlage nichtlinearer.
Es geht in seiner Entwicklung nicht um reine Masse, sondern auch um Klasse.

Wer sich ein wenig im Be-Reich der komplexen Systeme und nichtlinearen Gleichungen auskennt, dem wird bei der Erwähnung dieser Begriffe sofort ein Schlagwort in den Sinn kommen:
Chaostheorie

Und dies trifft auch hier zu:
Viele chaotische Prozesse walten tagtäglich in unserem Körper. Und ja, dies gilt auch sowohl für den Körper eines Bodybuilders, als auch für den eines Powerlifters – zu ihrem Glück.

Das bedeutet nämlich eben nicht, dass ihr Körper ein absolut chaotischer Zellhaufen ist.
Vielmehr ist das Gegenteil der Fall:
Der Begriff 'Chaos' wird allzuoft irrtümlich verstanden. Das Chaos ist nämlich eine höhere Form von Ordnung.
Eine Form der Ordnung, die ihre Qualität und Beständigkeit aus sich selbst heraus erschafft.

Absolutes Chaos ist z.B. gleichzeitig auch die höchste Form der Ordnung. Dies lässt sich sehr gut verdeutlichen, wenn man sich z.B. eine komplett ebene Sandwüste vorstellt. Wenn nun in der Anordnung aller Sandkörner das totale Chaos herrscht, dann herrscht zugleich auch die totale Ordnung. Schließlich hebt sich keine einzige Ortslage eines einzelnen Sandkorns von der eines anderen ab; und einen reineren Zustand der Ordnung kann es nicht geben.
Chaos ist somit nicht das Gegenteil von Ordnung, sondern nur eine höhere Form dieser.

Über das Instrumentarium der Chaostheorie lässt sich derzeit folgendes schreiben:
Alle Mittel der Chaostheorie, wie z.B. fraktale Geometrie und nichtlineare Gleichungen, sind zwar mächtige Werkzeuge für die Analyse komplexer Strukturen und Prozesse, aber bei Weitem keine 1:1 Abbildungen der biologischen Realität, sondern ein von Menschen geschaffenes Mittel, um bestimmte Vorgänge in unserer Welt beschreiben zu können, die sich auf der Grundlage linearer Gleichungen nicht mehr erfassen lassen.

Nichtsdestotrotz hat das Auftauchen der nichtlinearen Wissenschaften eine fundamentale Wirkung auf unsere Sicht der lebenden Prozesse und Organismen. Begriffe wie 'nichtlineare Dynamik', 'Selbstorganisation', 'Emergenz', 'Komplexität', 'Kohärenz', 'stochastische Resonanz', 'Fraktale' und natürlich 'Chaos' sind dabei in aller Munde.

Das Besondere bei diesen Prozessen ist nämlich, dass diese sich selbst aufrecht erhalten können, wenn bestimmte Rahmenbedingungen gewährleistet sind. Doch dies ist nicht alles. Diese Prozesse können sich nämlich nicht nur aufrecht erhalten, sie können sich auch verstärken oder vermindern je nach der Notwendigkeit der derzeit gegeben Situation.

Exakt auf der Grundlage dieser Prozesse – die zusätzlich sehr stark durch die Resorption biochemischer Stoffe beeinflusst werden – läuft auch das Wachstum von Muskelmasse und Körperkraft ab.

Das Zauberwort für die Aufrechterhaltung, Verstärkung und Hemmung dieser Prozesse lautet dabei 'Rückkopplung'. Die Verstärkung eines Prozesses wird dabei als positive Rückkoppelung bezeichnet, und eine Hemmung eines solchen als negative.
Durch einen beständigen Austausch von Informationen bleiben die betroffenen Prozesse beständig miteinander in Verbindung und gewährleisten auf diese Weise ihre Stabilität. Dieser Vorgang wird als Selbstbezüglichkeit bezeichnet ist von fundamentaler Bedeutung für alle Formen des Leben.

Unser Körper kann somit als ein komplexes System aufgefasst werden, in dem jeder der einzelnen Prozesse über andere Prozesse mit allen Prozessen des Körpers in Verbindung steht. Aus diesem Grunde ist unser Körper ein ganzheitliches System und genau so muss er auch verstanden und trainiert werden.

Wirken nämlich chaotische Prozesse in einem komplexen System, so führen selbst geringste Änderungen der Anfangswerte nach einer gewissen Zeit zu einer völlig anderen Entwicklung desselben. Diese Entwicklung äußert sich in einem nichtvorhersagbaren Verhalten, das sich zeitlich scheinbar irregulär entwickelt.
Dies impliziert, dass selbst kleinste Änderung in der Aufnahme biochemischer Substanzen (Umwelteinflüsse, Ernährung, Supplements, Doping), sowie Variationen im Training unwiederbringliche Veränderungen des äußerst komplexen Gesamtsystems 'Körper' nach sich ziehen und sich auch global auf dessen Entwicklung auswirken werden.
Schließlich wird das gesamte System durch die entsprechenden Rückkoppelungsmechanismen lokaler Prozesse beständig über kleinste Veränderungen informiert und reagiert entsprechend global durch verstärkende oder hemmende Prozesse.

Obwohl auch diese Systeme somit determiniert und damit prinzipiell bestimmbar sind, sind praktische Vorhersagen über langfristige Entwicklungen jedoch nicht möglich.

SchmetterfalterDieser Effekt wird bekannterweise als Schmetterlingseffekt bezeichnet und beschreibt die Empfindlichkeit komplexer dynamischer Systeme auf kleinste Abweichungen in den Ausgangsbedingungen derselben.

Diese können sich zu derart drastischen Entwicklungen hochschaukeln, dass sogar der Flügelschlag eines Schmetterlings die Entstehung eines Orkans begünstigen kann, so wie es z.B. in dem Musikvideo 'Deine Schuld' von der Musikgruppe 'Die Ärzte' dargestellt wird.

Nun wird auch verständlich, wie der anstrengende Flügelschlag eines Bodybuilders an der Butterfly-Maschine im Extremfall zu einem Orkan an seinem Gluteus Maximus führen kann. In komplexen Systemen hängt schließlich Alles mit Allem zusammen - ebenso wie die sicherlich erfreute Reaktion der anderen Studiobesucher.

Und exakt aus diesem Grund kann weder der Bodybuilder unendlich viel Muskelmasse aufbauen, noch der Powerlifter dauerhaft mehr Gewicht bewegen.
Der Körper befindet sich nämlich beständig in Rückkoppelung mit sich selbst und je mehr Muskelmasse er bereits aufgebaut hat, umso weniger wird er in Zukunft zunehmen können.

Exakt das Gleiche gilt auch für die Progression von Trainingsgewichten.
Es wird immer schwerer und dies gilt nicht nur für die akkumulierte Trainingslast, sonder auch für jegliche weitere Steigerung derselben.

Alles was wir nämlich bereits jetzt sind, hat Einfluss auf das, was wir werden (können).

Diese Entwicklung ist zwar bereits von Geburt an in feste genetische Grenzen gesetzt, kann jedoch durch entsprechende Trainings- und Ernährungsweisen gefördert werden.
Es geht hier vor Allem darum, möglichst viele nutzbringende verstärkende Prozesse des Körpers zu aktivieren und eben diesen somit auf Wachstum zu programmieren.
Eine nähere molekularbiologische Auseinandersetzung mit diesem Thema geht jedoch in den Bereich der Epigenetik und soll zumindest heute nicht vertieft werden.

Weiterhin ist es eine äußerst interessante und tiefgreifende wissenschaftsphilosophische Frage, inwiefern der bewusste Wille Einfluss auf diese Prozesse und ihre zugrundeliegenden Mechanismen nehmen kann. Die modernen Erkenntnisse der enormen Suggestionsfähigkeit auf der Grundlage der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Themen, wie z.B. der Hypnose oder dem Placebo-Effekt belegen jedoch bereits jetzt, dass der bewusste Wille nicht nur ein ohnmächtiges Epiphänomen unseres Körpers und dessen Nervensystems sein kann. Er ist viel mehr.

Wer jedoch nicht daran glaubt, beraubt sich bereits vorzeitig selbst jeglicher Möglichkeit, sich des Potentials seines Willens bedienen zu können.

Wer nämlich bewusst nicht daran glaubt, dass der Wille Einfluss auf die Entwicklung seines Körpers nehmen kann, der glaubt im Umkehrschluss unterbewusst daran, dass sein Wille keinen Einfluss auf die Entwicklung seines Körpers hat. Und genau diesen Glauben verwirklicht sein Unterbewusstsein auch in der Entwicklung seines Körpers, was sich so äußert, dass sein Körper sich völlig unabhängig von seinem Geist entwickelt.
Dieser – scheinbar – ungläubige Mensch glaubt nämlich inständig daran, dass es keinen wirksamen Mind-Body-Link gibt, dabei ist dieser bei ihm bereits so stark ausgebildet, dass sich kompromisslos das verwirklicht, was er glaubt:
Eine scheinbar vollständige Trennung von Körper und Geist.
An diese Trennung glaubt er bedingungslos und da sein Körper diesem Glauben folgt, vollzieht er sie auch. Wissen kann man nämlich nicht wissen, man kann nur daran glauben.

In diesem Sinne sollten wir immer vorsichtig mit dem sein, was wir über unseren Körper glauben. Es wird nämlich in Erfüllung gehen.

Abseits von dieser kleinen Abschweifung wollen wir schlussendlich folgende pragmatische Erkenntnis aus den hier vorgestellten Gedankengängen festhalten:

Jede Handlung, jeder Atemzug und jeder Gedanke sowohl eines Bodybuilders, als auch eines Powerlifters wirkt sich entweder positiv oder negativ auf seine Entwicklung aus.

Desweiteren kann selbst die kleinste Änderung in der Ausführung, Frequenz, Intensität oder Dosierung dieser Einflüsse größte Veränderungen in der resultierenden Entwicklung nach sich ziehen.

Die Meisterschaft liegt nun darin, herauszufinden, welche dieser Einflüsse den eigenen Zielen zuträglich sind und welche abträglich.


Bilderquellen:
Fraktal: lowjumpingfrog
Schmetterling: mk*